Heribert Becker

Heribert Becker Der Surrealismus in Belgien

Der Surrealismus in Belgien

Eine Anthologie

Verlag Hans Schiler
Langue: allemand
1. Edition ()
Klappenbroschur, 300 pages
ISBN 9783899301953
Disponibilité:
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Ende 1926 etab­lierte sich in Brüssel um den Dichter und Theo­re­tiker Paul Nougé und den Maler René Magritte eine fran­ko­phone belgi­sche Surrea­lis­ten­gruppe, die über Jahr­zehnte ihren rebel­li­schen Unter­neh­mungen nach­ging.
Die vorlie­gende Antho­logie bietet — erst­mals in deut­scher Sprache — eine Auswahl unter­schie­d­­li­cher Texte (Gedichte, Erzäh­lungen, Apho­rismen) der wich­tigsten Autoren dieser belgi­schen Gruppe.

Wenn vom Surrea­lismus die Rede ist, meint man fast immer die 1924 gegrün­dete Pariser Kern­gruppe dieser Bewe­gung. Verg­leichs­weise wenig bekannt sind dagegen andere dezi­diert als surrea­lis­tisch sich bezeich­nende Dichter- und Künst­ler­kol­lek­tive, die im Laufe der Jahre und Jahr­zehnte in vielen euro­päi­schen und außer­eu­ro­päi­schen Ländern entstanden. Unter diesen gilt die fran­ko­phone Brüs­seler Surrea­lis­ten­gruppe Experten als die zweit-wich­tigste; jeden­falls ist sie die erste, die sich nach derje­nigen in Paris konsti­tu­ierte, und zwar bereits Ende 1926, als sich zwei präsur­rea­lis­ti­sche Grup­pie­rungen zur „groupe surréa­liste de Belgi­que“ zusam­men­sch­lossen: dieje­nige von René Magritte und E.L.T. Mesens einer­seits und die von Paul Nougé, Camille Goemans, Marcel Lecomte, Paul Hooreman und André Souris ande­rer­seits.
Die schöp­fe­rischste und heute inter­na­tional bei Weitem bekann­teste Persön­lich­keit dieser belgi­schen Surrea­lis­ten­gruppe war der Maler René Magritte, der schon 1925 zu seiner unver­wech­sel­baren poeti­schen Bild­sprache fand. Mit der Zeit schlossen sich weitere Schrift­s­teller und bildende Künstler der Gruppe an und spielten in ihr eine mehr oder minder aktive Rolle, etwa Louis Scutenaire und seine Frau Irène Ha-moir, Max Servais, Paul Colinet, Marcel Mariën, Raoul Ubac und danach noch viele andere. Dieses Kollektiv entwi­ckelte sich in mancherlei Hinsicht in eine andere Rich­tung als die Pariser Ursprungs­gruppe, was immer wieder zu Meinungs­ver­schie­den­heiten und Reibe­reien, wenn nicht gar zu ernst­haften Konf­likten führte. Insge­samt aber über­wogen die Gemein­sam­keiten, insbe­son­dere Ende der 1920er und in den 1930er Jahren, als Pariser und Brüs­seler Surrea­listen beson­ders häufig zusam­men­ar­bei­teten. Die einen wie die anderen waren sich, weit über den Bereich von Lite­ratur und Kunst hinaus­ge­hend, einig in der Über­zeu­gung, dass die beste­hende geis­tige, soziale und poli­ti­sche Realität ihrer Zeit ganz und gar unan­nehmbar sei. Ein funda­men­tales Gefühl der Revolte beseelte beide Gruppen, die die bürger­lich-kapi­ta­lis­ti­sche und christ­liche Gesell­schaft mit ihren Werten und ihrer Kultur radikal ablehnten und von Grund auf verän­dern wollten.
Ähnliche kämp­fe­ri­sche Ansichten vertrat eine zweite belgi­sche Surrea­lis­ten­gruppe, die, unab­hängig von derje­nigen in Brüssel, aber des Öfteren mit ihr zusam­men­ar­bei­tend, in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre in der südbel­gi­schen Indu­s­trie­re­gion Hainaut aktiv war. Ihr gehörten Dichter und bildende Künstler wie Achille Chavée, André Lorent, Fernand Dumont, Marcel Havrenne, Armand Simon, Marcel Lefrancq, Pol Bury und Louis Van de Spie­gele an. Während diese Gruppe ein eher kurz­le­biges Dasein fris­tete, setzten die Brüs­seler Surrea­listen nach 1945 ihre viel­fäl­tigen Akti­vi­täten fort, die nach einer Phase des Erlah­mens in den 1950er und 1960er Jahren durch das Hervor­t­reten jüngerer Mitst­reiter sogar bis an die Schwelle zum 21. Jahr­hun­dert anhielten.